
Künstliche Intelligenz ist längst im Autohaus angekommen – zumindest theoretisch. Praktisch herrscht vielerorts noch Zurückhaltung. Zu abstrakt, zu teuer, zu kompliziert. Doch eine aktuelle wissenschaftliche Arbeit macht jetzt klar: Das Potenzial ist real, messbar und in einigen Bereichen sofort wirksam.
Im Rahmen einer Masterthesis an der NORDAKADEMIE kamen nun 16 Anwendungsfälle auf den Prüfstand, Experten aus dem Handel haben sie bewertet – und das Ergebnis ist eindeutig: KI funktioniert. Aber längst nicht jede Lösung lohnt sich für jeden Betrieb.
Eine zweite Wahrheit zeigt die Studie allerdings auch: Nur 37 Prozent der Betriebe setzen KI überhaupt aktiv ein. Der Rest tastet sich vorsichtig vor oder wartet ab. Doch: Wer wartet, riskiert nicht weniger als Wettbewerbsfähigkeit.
Der Druck im Handel steigt – und KI könnte der Hebel sein
Die wichtigsten Herausforderungen kennt inzwischen jeder Händler: Sinkende Neuzulassungen, unsichere Kunden, wandelnde gesetzliche Bestimmungen, Elektromobilität mit geringeren Wartungsintervallen, ein Aftersales-Geschäft, das perspektivisch um bis zu 50 Prozent einbrechen könnte. Gleichzeitig steigen die Ansprüche der Kunden: digitale Services, personalisierte Angebote, Transparenz, sofortige Antworten.
Kurz: Der Autohandel verliert nicht an Relevanz, aber es ändert sich viel. Und genau hier kann KI den Unterschied machen.
Welche Anwendungsfälle sind wirklich profitabel?
Die Masterarbeit identifiziert eine breite Palette möglicher KI-Anwendungen: von Marketing über Preisgestaltung bis zur Werkstattassistenz. Branchenexperten bewerteten anschließend, welchen Einfluss diese Use Cases auf Produktivität, Kosten, Umsatz und Kundenzufriedenheit haben.
Das Ergebnis ist überraschend konsistent: Alle Anwendungsfälle wurden positiv bewertet. Aber: Manche erzeugen schnell hohen Mehrwert, andere bleiben eher theoretisch. Die Quintessenz lautet daher nicht »KI lohnt sich immer«, sondern: KI lohnt sich dort, wo sie Probleme löst – nicht dort, wo sie nur nett klingt.
Noch spannender: Der Einsatz führt nicht zu völlig neuen Geschäftsmodellen, aber er verbessert bestehende Abläufe massiv. Und genau das zählt in einem Markt, dessen Margen immer enger werden.
Im Aftersales liegt das echte Potenzial
Wenn man die Bewertung der Experten nüchtern betrachtet, entsteht ein klares Bild:
Der größte Hebel liegt im Service. Warum? Weil Aftersales nach wie vor die wichtigste Ertragssäule der Autohäuser ist – und gleichzeitig voller ineffizienter, zeitfressender Prozesse steckt. Die vier am besten bewerteten Anwendungsfelder sind so auch:
Automatisierte Terminplanung: KI-Assistenten, die Termine vergeben, Fahrzeugdaten erfassen und Vorabdiagnosen erstellen. Das spart Zeit, reduziert Rückfragen und stabilisiert die Auslastung.
Intelligente Fehlersuche: Chatbots, die Werkstattmitarbeiter bei Diagnose und Workflows unterstützen. Nicht als Ersatz, sondern als Wissensverstärker.
Ersatzteil- und Lageroptimierung: KI-Prognosen verbessern die Teileverfügbarkeit und reduzieren Standzeiten.
Predictive Maintenance: Fahrzeuge melden Probleme, bevor sie entstehen – Händler können proaktiv Kunden ansprechen und Auslastung planen.
Was den Experten ins Auge fiel: Sie bringen sofort Wirkung. Sie erhöhen die Kundenzufriedenheit, verringern die Kosten, und sie entlasten Mitarbeiter spürbar.
Chancen ja, Risiken ebenfalls
Auch im Verkauf und im Marketing sieht die Masterthesis Potenzial: KI kann Leads sortieren, Kaufwahrscheinlichkeiten berechnen und Preise dynamisch anpassen. Im Marketing ermöglicht sie hochgradig personalisierte Kampagnen – ein Vorteil, weil Werbekosten zuletzt massiv gestiegen sind.
Aber: Der Vertrieb ist sensibel. Ein schlecht trainierter Chatbot kann Kunden vergraulen. Eine unpassende Empfehlung ebenso. Der Handel tut daher gut daran, KI im Vertrieb zunächst als Assistenz einzusetzen, nicht als Verkäufer. Die persönliche Beziehung bleibt gerade im Autohaus unersetzlich.
Die wissenschaftliche Arbeit wirkt auf den ersten Blick komplex, ist aber im Kern erstaunlich klar: KI lohnt sich – wenn man es richtig macht.
Der richtige Einstieg zählt
KI im Autohaus ist keine Zukunftsvision mehr, sondern eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit. Die wissenschaftliche Arbeit zeigt klar: Es gibt große Potenziale, besonders im Service und Kundenmanagement. Aber Händler müssen Prioritäten setzen und dort beginnen, wo der Mehrwert am größten ist.
Die gute Nachricht: Mit Lösungen wie Carla, integrierten KI-Agenten und vernetzter Prozesssteuerung lassen sich viele dieser Anwendungsfälle heute schon real umsetzen – ohne Big-Bang, ohne Millioneninvestition.
Die schlechte Nachricht: Wer wartet, verliert nicht nur Zeit. Gegenüber Wettbewerbern, die schneller starten – und gegenüber Kunden, die digitale Services zunehmend voraussetzen.
Die Erkenntnis für Entscheider: Nicht jede KI-Lösung lohnt die Investition. Der Outcome ist gemäß den Ergebnissen zwar immer positiv, mit gezielten Investitionen in die Top-Anwendungsfälle lässt sich der Effekt auf Wirtschaftlichkeit und Kundenzufriedenheit allerdings deutlich maximieren.