
Früher bestand eine Tankpause aus einem schnellen Stopp an der Zapfsäule, einem hastigen Gang zur Kasse (und vielleicht zum Klo) und der spontanen Entscheidung, ob ein überteuertes Käsebrötchen jetzt irgendwie »Reiseproviant« sein muss. Heute sieht das für viele Fahrzeughalter anders aus. Wer ein Elektroauto fährt, hat plötzlich Zeit. Viel Zeit. Und genau das könnte zum Problem für die Fahrer werden.
Denn offenbar verwandeln sich Ladepausen bei vielen E-Auto-Fahrern zuverlässig in Snackpausen. Das zumindest legt eine aktuelle Untersuchung von Civey im Auftrag von DA Direkt nahe. Der Begriff dazu klingt wie eine Mischung aus medizinischer Diagnose und schlechtem Wortspiel: »Ladepositas«.
Ich muss zugeben: schlimm genug, dass ich kurz lachen musste.
Die Zahlen hinter dem Begriff sind allerdings durchaus interessant. Mehr als jeder zweite befragte E-Auto-Fahrer gibt an, während des Ladevorgangs regelmäßig zu essen oder zu snacken.
Und ehrlich gesagt überrascht das nur Menschen, die noch nie 28 Minuten neben einer Schnellladesäule im Gewerbegebiet verbracht haben.
Man sitzt irgendwo zwischen Autowaschstraße, Systemgastronomie und Betonpoller, schaut dem Akkustand beim Hochzählen zu und beginnt irgendwann automatisch darüber nachzudenken, ob man nicht doch noch schnell einen Muffin holen sollte.
Nicht aus Hunger.
Die Studie beschreibt das erstaunlich treffend. Langeweile beim Laden mache offenbar hungrig.
Besonders dann, wenn Aufenthaltsqualität eher bedeutet, dass die Ladesäule immerhin nicht direkt neben einem Container steht. Tatsächlich wirkt die deutsche Ladeinfrastruktur manchmal noch ein wenig so, als hätte man zuerst die Technik geplant und anschließend vergessen, dass dort irgendwann auch Menschen warten müssen.
Viele Ladepunkte erfüllen ihren technischen Zweck hervorragend. Emotional erinnern sie allerdings an Bushaltestellen in Gewerbegebieten. Wenig Wetterschutz, wenig Atmosphäre, wenig Gründe, freiwillig länger zu bleiben. Außer vielleicht wegen der Currywurst im Rasthofshop.
Das erklärt womöglich auch, warum lediglich sechs Prozent der Befragten ihre Ladepause für Bewegung nutzen. Der Rest snackt, kauft ein oder macht ein kurzes Nickerchen, während das Auto Strom zieht. Ein Viertel der Fahrer ruht sich aus oder schläft kurz.
Man könnte auch sagen: Das Elektroauto entschleunigt.
Oder aber: Der Mensch verbringt erstmals seit Jahren wieder bewusst Zeit mit seinem Fahrzeug, ohne gleichzeitig fahren zu müssen. Und wie bei jeder Wartepause oder Wartezeit entsteht dabei früher oder später dieselbe Frage: Gibt es hier irgendwo etwas zu leckeres essen?
Interessant ist dabei vor allem der Unterschied zwischen Menschen, die bereits elektrisch fahren, und denen, die nur darüber sprechen. Während viele Verbrennerfahrer Ladezeiten noch immer für eine Art zivilisatorischen Zusammenbruch halten, wirken E-Auto-Fahrer erstaunlich entspannt. 86 Prozent akzeptieren laut Studie einen Ladestopp von bis zu 20 Minuten problemlos -> sofern dabei genug Reichweite nachgeladen wird.
Noch spannender wird es beim Blick auf die Infrastruktur. 65 Prozent der Verbrennerfahrer halten das deutsche Ladenetz für schlecht.
Unter E-Auto-Fahrern sehen das nur 29 Prozent so. Erfahrung verändert offenbar die Wahrnehmung. Trotzdem zeigt die Studie ziemlich deutlich, wo die eigentlichen Probleme liegen. Nicht unbedingt bei der Ladegeschwindigkeit. Sondern bei allem drum herum.
Vor allem beim Bezahlen. Denn kaum etwas schafft es derzeit zuverlässiger, Menschen emotional an die Grenzen zu bringen, als spontane Ladevorgänge in unbekannten Apps mit Tarifmodellen, die aussehen wie ein schlecht kommunizierter Mobilfunkvertrag von 2007.
Mal braucht man eine App. Mal eine Ladekarte. Mal einen Vertrag. Mal einen QR-Code. Und manchmal funktioniert einfach gar nichts außer stillem Fluchen auf dem Parkplatz.
Die klassische Kartenzahlung? Oder Paypal? Noch immer erstaunlich selten.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Zukunft der Elektromobilität. Nicht nur schnellere Akkus oder größere Reichweiten. Sondern Ladeorte, an denen Menschen sich tatsächlich gerne aufhalten würden. Mit vernünftigem Kaffee. Ein paar Sitzmöglichkeiten. Vielleicht sogar etwas, das nicht automatisch 1200 Kalorien pro Portion enthält.
Je besser ein Ladeort gestaltet ist, desto eher wird aus der Pause eine sinnvolle Unterbrechung statt der nächste Griff zum Snack. Die Idee hinter der Ladepause ist doch eigentlich gar nicht so schlecht. Eine kurze Unterbrechung. Ein Moment zum Durchatmen. Vielleicht sogar gesünder als drei Stunden ohne Pause durchzubrettern.
Aktuell endet dieser Moment allerdings häufig mit Käse-Croissant, Energy-Drink und der leichten Erkenntnis, dass man während des Ladevorgangs mehr Kalorien aufgenommen hat als Kilometer Reichweite.
Das Elektroauto macht also vermutlich nicht dick. Der Imbissstand daneben vielleicht schon.