
Deutschland liebt das Auto. Daran ändert auch die neueste Ausgabe der Studie »Mobilität in Deutschland« nichts. Das Auto bleibt das wichtigste Verkehrsmittel im Alltag, dominiert nach wie vor die meisten Wege und Personenkilometer. Und trotzdem zeigt die aktuelle Erhebung einen deutlichen Bruch mit früheren Jahren: Die Menschen besitzen mehr Autos, nutzen sie aber weniger. Für Autohäuser ist das eine spannende Kombination – und alles andere als nur eine weitere Umfrage.
Die Zahlen sind eindeutig: In Deutschland stehen inzwischen rund 50 Millionen Pkw in den Einfahrten, Höfen und am häufigsten am Straßenrand. Rein rechnerisch kommen auf einen Haushalt etwa 1,2 Autos. Gleichzeitig wächst der Anteil der Haushalte mit zwei oder mehr Fahrzeugen, während noch etwa ein Fünftel der Haushalte komplett autofrei lebt.
Doch die Nutzung bewegt sich in eine andere Richtung. Fast die Hälfte der Autos wird an einem durchschnittlichen Tag überhaupt nicht bewegt. 2008 blieb nur etwa ein Drittel der Fahrzeuge stehen, heute sind es rund 46 Prozent. Und die Autos, die täglich fahren, legen im Schnitt weniger Fahrten und kürzere Strecken zurück: Statt gut 31 Kilometern pro Tag sind es jetzt nur noch rund 26 Kilometer. Auch die Fahrzeit sinkt – von knapp 50 auf etwas über 40 Minuten täglich.
Mit anderen Worten: Die Republik ist hochmotorisiert, aber viele Fahrzeuge sind mehr Standobjekt als Fortbewegungsmittel.
Das Auto bleibt wichtig – nur anders
Heißt das, die Deutschen verabschieden sich vom Auto? Ganz und gar nicht. Das Auto ist etwas weniger Statussymbol (wenn es auch oft einfach nur rumsteht) und mehr Infrastruktur. Es steht da, wenn man es braucht – aber man braucht es nicht mehr für jeden Weg.
Dazu tragen mehrere Entwicklungen bei. Homeoffice hat den klassischen Berufsverkehr spürbar reduziert. Viele Menschen pendeln seltener, kombinieren Wege oder erledigen manches schlicht online. Unter Online-Shopping ächzten nicht nur die Läden in den Innenstädten, viele lassen ihr Auto lieber stehen und shoppen jetzt im Internet. Gleichzeitig altert die Bevölkerung. Ältere Menschen fahren im Schnitt weniger, behalten das Auto aber oft als Sicherheitsanker. Und bei den Jüngeren zeichnet sich ein anderes Muster ab: Sie steigen später ins klassische »Autoleben« ein, landen aber ab Mitte 30 ganz normal in Haushalten mit Pkw.
Das Spannende: Die Verfügbarkeit steigt, die tatsächliche Nutzung geht zurück. Das Auto bleibt beliebt – es wird aber anders genutzt.
E-Autos sind im Alltag angekommen
Ein wichtiger Blick gilt in der Umfrage der Elektromobilität. 2017 wirkten viele E-Autos noch wie Zweitwagen für die Stadt, vor allem auf kurzen Strecken unterwegs. Das Bild hat sich deutlich verschoben. Laut MiD 2023 unterscheiden sich die Einsatzmuster von Batterie-Pkw heute kaum noch von denen mit Verbrennungsmotor. Die Jahresfahrleistungen, die Längen einzelner Fahrten, der Anteil längerer Strecken – all das nähert sich an.
Das Elektroauto ist kein exotisches Mobilitätsprojekt mehr, sondern normaler Bestandteil der Flotte. Für Autohäuser bedeutet das: Die Kunden erwarten, dass E-Mobilität genauso selbstverständlich funktioniert wie der Verbrenner – bei Reichweite, Service, Werkstattkompetenz und Beratung.
Carsharing und Co.
Parallel zu den Autos, die weniger bewegt werden, wächst das Angebot an Sharing-Diensten. Carsharing, E-Scooter, Leihräder – in den großen Städten sind die Logos der Anbieter überall präsent. Die MiD-Zahlen zeigen jedoch eine gewisse Ernüchterung: Im Gesamtbild der Mobilität spielen diese Angebote weiterhin eine sehr kleine Rolle. Carsharing-Mitgliedschaften nehmen zu, ein bemerkenswerter Teil der Nutzer greift aber so gut wie nie darauf zurück.
Für Autohäuser ist das eine wichtige Einordnung: Die große Verdrängung durch Sharing bleibt vorerst aus. Das Auto im Haushalt bleibt der Standard – auch dort, wo zusätzliche Optionen verfügbar sind.
Der Fuhrpark altert – und das spürt die Werkstatt
Eine weitere Entwicklung ist für die Branche besonders relevant: Das Durchschnittsalter der Fahrzeuge steigt seit Jahren und liegt inzwischen bei über zehn Jahren. Mehr als jedes vierte Auto ist 15 Jahre oder älter. Diese Alterung hat direkte Konsequenzen für Wartung, Instandhaltung und HU-Ergebnisse. Das zeigen auch die aktuellen Ergebnisse des TÜV Report 2026.
Dass immer mehr Fahrzeuge bei der Hauptuntersuchung durchfallen oder mit Mängeln auffallen, passt genau in dieses Bild. Ältere Fahrzeuge werden häufiger reparaturbedürftig – auch wenn sie im Alltag vielleicht weniger bewegt werden. Für Werkstätten ist das Chance und Herausforderung zugleich: Der Beratungsbedarf steigt, die Komplexität ebenfalls.
Was heißt das für Autohäuser?
Erstens: Die Kunden lieben das Auto weiterhin – sie nutzen es nur anders. Das verschiebt die Kommunikation. Es geht weniger um das »Ob« eines Fahrzeugs, sondern um das »Wie«: Wie passt das Auto in den Alltag, wie oft wird es wirklich gebraucht, welche Kombination aus Fahrzeug, ÖPNV, Rad und vielleicht E-Bike ist sinnvoll?
Zweitens: Service gewinnt weiter an Bedeutung. Ein alternder, aber zugleich wachsender Bestand bringt mehr Wartungs- und Reparaturbedarf – und dass bei Kunden, die gleichzeitig preissensibel und sicherheitsbewusst sind. Proaktive Information, digitale Terminerinnerungen, transparente Kostenvoranschläge und einfache Kontaktwege werden zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal.
Drittens: Elektromobilität ist aus der Nische raus. Auch wenn viele das nicht glauben und denken, dass der Verbrenner wieder zurückkommt. Wer hier nur zögerlich berät oder Serviceleistungen halbherzig anbietet, fällt auf. Kunden merken schnell, ob ein Betrieb E-Autos wirklich ernst nimmt oder sie nur »mitbedient«. Die Studie liefert dafür einen wichtigen Beleg: Im Alltag verhalten sich E-Autos inzwischen wie ganz normale Fahrzeuge – und so wollen sie von Kundinnen und Kunden auch behandelt werden.
Viertens: Mobilitätsangebote rund ums Auto werden wichtiger als das reine Produkt. Ob Hol- und Bringservice, Shuttle, Fahrrad-Ersatz, ÖPNV-Ticket, Abo-Modelle oder digitale Buchungsstrecken – Autohäuser, die Mobilität denken statt nur Fahrzeuge verkaufen, passen sich besser an das veränderte Nutzungsverhalten an.
Das Autohaus in einer Welt der stehenden Autos
»Autonutzung verliert an Bedeutung, dominiert aber weiterhin« – dieser Satz aus dem Ergebnisbericht bringt die Lage ziemlich gut auf den Punkt. Für Autohäuser steckt darin eine klare Botschaft: Das Auto verschwindet nicht, aber es wird anders eingebettet in den Alltag der Menschen.
Wer das versteht, kann Angebote, Kommunikation und Service darauf ausrichten. Wer weiter so tut, als wäre alles wie 2010, verpasst die Zukunft.
Die MiD 2023 liefert keine fertigen Antworten, aber einen sehr klaren Rahmen: mehr Autos, weniger Fahrleistung, normalisierte E-Mobilität, ein alternder Bestand und ein Alltag, in dem Mobilität vielfältiger wird. Genau hier beginnt der Spielraum für Betriebe, die nicht nur Fahrzeuge betreuen, sondern Mobilität gestalten wollen.